Balkan 2025 - die Jagd nach dem Goldenen Oktober

BlueQ

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Stuttgart
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R 1250 GS
Nachdem drei Wochen Norwegen Anfang September erneut sehr erlebnisreich, diesmal allerdings insgesamt recht frisch ausfielen, setzte sich alsbald ein neues Hirngespinst fest: auf der Balkanhalbinsel den Goldenen Oktober und Wärme zu suchen und mich unterwegs möglichst kreativ zu verzetteln.

Ein Reisebericht
 
Tag 1 – 29. September​

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Montagmorgen, blauer Himmel, Gilette ist bereit (nicht meine französische Sozia, sondern die Spandauerin mit den zwei Zylindern) – es geht genüßlich, aber zügig von der Schwabenmetropole über die Schwäbische Alb und das bayerische Voralpenland, vorbei an Tegernsee und Schliersee über Sudelfeld und Tatzelwurm – Iller, Lech, Isar, Inn, gemäß der alten Merkregel wird ein Donauzufluss nach dem anderen gequert.

Weiter auf österreichischer Seite der Grenze entlangs von Kaisergebirge und Salzburger Kalkalpen quer über’s Salzachtal zur Tauernschleuse – Kärnten ist das für heute erhoffte Ziel, das ist mit Mallnitz am südlichen Tunnelausgang sozusagen bereits beim Herunterrollen vom Zug erreicht. 487km Landstraßenkilometer stehen beim zünftigen Kärntner Abendessen auf der Uhr.

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Tag 2 – 30. September​

Für heute ist niedrige Bewölkung angesagt, was sich hier oben als dichter Nebel manifestiert. So verzichte ich auf Sightseeing-Schlenker und folge einfach dem frischen Gebirgswasser, das auf seinem Weg talabwärts als Mallnitzbach, Möll und Drau meinen Weg vorgibt. In Villach lasse ich die Drau ziehen (ich treffe sie drei Wochen später am letzten Tag meiner Reise an ihrer Quelle wieder), schlage einen Haken und wechsle über den heute menschenleeren Wurzenpass ins slowenische Paralleltal, in dem die Sava Dolinka oder Wurzener Save, der längere der beiden Quellflüsse der Save, ihr eigenes Langstreckenrennen gegen die Drau um des Erreichen der Donau bestreitet. Diesmal wird der Abzweig zum Vršičpass rechts liegengelassen, ich will endlich mal Bled und den gleichnamigen See besuchen. Den erreiche ich über einen weiteren Sidestep in ein idyllisches Seitental mit schmalen Sträßchen, da im Haupttal bald der Karawankentunnel die gleichnamige Autobahn ausspuckt.

Die Aussicht von der Burg über den See ist vermutlich ebenso gigantisch wie der Andrang und der Eintrittspreis, ein paar Meter Fußmarsch auf dem Wanderweg eröffnen mir mutmaßlich fast den gleichen Anblick und fast für mich allein, nur die chinesische Drohnenpilotin fängt verbotenerweise noch bessere Bilder ein.

Ähnlich die Uferstraße, sehr idyllisch und sehr gut besucht, ich genieße den Ausblick im Stau stehend und verziehe mich dann zügig in die slowenischen Berge. Auf meist einspurigen Sträßchen geht es die nächsten Stunden sehr kurvig auf- und abwärts und in großem Bogen um Ljubljana herum, wo ich mir einen mentalen Befreiungsschlag erhoffe: sowohl Reifenprofil als auch Bremsbeläge sollten ja die Reise an Restkilometern stets deutlich übertreffen, sonst fehlt Letzterer die Leichtigkeit.

Meine frischen Heidenaus sind da kein Problem, aber bei den Bremsbelägen fällt mir mein Optimismus nun auf die Füsse. Es gibt hier einen sehr positiv bewerteten BMW-Händler der mir vielleicht spontan helfen kann. Schon ein paar Kilometer vorher habe ich ein Déjà-vu, hier war ich doch schon mal! Der BMW-Händler wohnt neben der Tanke, deren Sprit Gilette im Frühjahr, ähem, rekordverdächtige 498km weit bringen musste, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich rolle also beim hier wirklich Freundlichen auf den Hof, der freundliche Mechaniker schließt sich meiner Einschätzung an und kaum 45 Minuten später rolle ich mit vier neuen Bremsbelägen zu einem sehr freundlichen Preis weiter Richtung Balkan. Hvala Slovenija, to mi je všeč!

Mit freiem Kopf sieht selbst die graue Wolkendecke viel rosiger aus, ich schwinge entspannt auf Nebensträßchen Richtung Südosten, Tagesziel plusminus der Nordwestzipfel Bosniens. Einen Kaffestop auf der Piazza irgendeiner slowenischen Kleinstadt später ist eine Unterkunft in Schlagdistanz der bosnischen Grenze gebucht, die Reise geht weiter durchs idyllische Nirgendwo, eine rumpelige Brücke in einem tief eingeschnittenen Canyon, dessen Fluss Kanutenherzen höher schlagen ließe, begrüßt mich in Kroatien.

Kurviger leistet ganze Arbeit – unter Umgehung aller Agglomerationen, in denen evtl. mehr Menschen als Nutztiere leben könnten, führt mich das Navi zielstrebig zu meiner Unterkunft, die sich als Grillrestaurant im, ja was, Nirgendwo mit Gästezimmern und großem LKW-Parkplatz entpuppt. Kurz gezögert, den Sonnenstand gecheckt und Vorurteile beiseitegewischt, das Zimmer ist einwandfrei und ruhig, das Essen einfach und lecker, der Service herzlich und der Patrone hatte jahrelang in meiner Heimatstadt gelebt. Darauf einen gut eingeschenkten Travarica…

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auf der Balkanhalbinsel den Goldenen Oktober und Wärme zu suchen ...
Ein Reisebericht
Sehr fein, na da klinke ich mich doch gleich mal ein, bzw. verpasse per Info keine Folge.
Und schon habe ich eine Bitte ... kannst Du Deine Hotels verlinken? ... also dann wenn Du soweit damit zufrieden warst.
 
Sehr fein, na da klinke ich mich doch gleich mal ein, bzw. verpasse per Info keine Folge.
Und schon habe ich eine Bitte ... kannst Du Deine Hotels verlinken? ... also dann wenn Du soweit damit zufrieden warst.

Werde ich einflechten Jürgen, wobei ich vorausschicken möchte, daß sich meine Übernachtungsunterkünfte immer sehr spontan ergeben und keiner sorgfältigen Auswahl unterliegen. Bett, Dusche, Frühstück und die Gelegenheit zum Abendessen - vor Ort oder wenigstens fußläufig, mehr brauchts nicht - für Schnickschnack habe ich abends eh keine Zeit mehr. Selbst beim Parken der GS bin ich inzwischen sehr entspannt, eine (Tief-)Garage oder ein Hinterhof sind super, aber meist steht sie in ländlichen Gegenden doch einfach vorm Eingang.

Jedenfalls bin ich auf dem Balkan, insbesondere der Nicht-EU, immer wieder beeindruckt, welches Niveau auch die Zimmer in einfachen Hotels bieten und über wieviele "Perlen" ich dort zufällig stolpere.
Als Basislager kämen die wenigsten in Frage, aber den Vergleich mit französischen, norwegischen, und, sorry liebe Eidgenossen, (erschwinglichen) Schweizer Hotels muss sicher keines davon scheuen, und das natürlich zu einem Bruchteil des Preises.

Genug des Loblieds...
 
Tag 3 – 1. Oktober

Der Goldene Oktober kann kommen! Nach einem herzhaften Frühstück vom Balkan-Grill geht’s auf nach Bosnien. Knapp 30km sind es bis zur Grenze, ich ignoriere die Beschilderung und vertraue der Kurviger-Routenführung, Gilette bollert zufrieden in den herrlichen Morgen. Es geht bald von der Hauptstraße auf die Nebenstraße, wunderschöne Landschaft im Morgenlicht, ich biege ab auf die, ok, den Wirtschaftsweg, dann zu diesem Bauernhof da und, ui, schnell mit einem Gasstoß an den bellenden Hunden vorbei und der Weg geht ja auch hinter dem Bauernhof weiter, halt jetzt sehr agrarisch, erkennbar bergab, stark ausgewaschen und mit ausgeprägter Flora in der Mitte.

Kurze Analyse, fahre nur dort hinunter wo Du auch wieder heraufkommst, aber es ist ja schließlich trocken und sooo steil nun auch wieder nicht…

Danke Kurviger, für die interessante Streckenführung, „unbefestigte Straßen vermeiden“ hat eben auch seine Grenzen und prinzipiell bin ich dem Unbefestigten ja gar nicht abgeneigt, nur nicht so unvorbereitet gleich nach dem Morgenkaffee. Nun denn, der Balkan fängt ja grad erst richtig an. Wieder auf Asphalt orientiere ich mich erst einmal an den im Navi intensiver gefärbten Straßen.

Die EU-Außengrenze ist schnell passiert, und wie jedesmal schwindet das irrationale mulmige Gefühl, die EU verlassen zu haben, schnell unter den neuen Eindrücken. Bosnien nimmt mich wieder mal schnell für sich ein.

Vor zwei Jahren war der Westen Bosniens dran, diesmal will ich mich östlicher halten, allerdings ist das Wetter weiter unbeständig und ziemlich frisch, Sarajevo, Durmitor und die albanischen Alpen bekommen den ersten Schnee, also empfiehlt die strategische Planung eher in einem sanften Bogen Richtung Mostar und dann in Nähe der Küste weiter. Ich bleibe also auf den Hauptstraßen, die sind hier ländlich genug und Verkehr gibt’s praktisch auch keinen, so komme ich gut voran.

Zwischendrin besorge ich mir eine Simkarte, 6 Mark, 7 Tage, 9 GB inklusive West Balkan Roaming, also auf meiner Tour alle Länder, in denen mein EU-Roaming nicht funzt. Klasse, vor zwei Jahren hieß es noch neues Land, neue Sim-Karte.

Das Navi läßt mich scharf rechts abbiegen, da führt eine rumpelige Straße runter in ein Polje und im weiteren Verlauf schnurgerade durch die Ebene. Schön, scheint eine willkommene Abkürzung zu sein. Der Straßenbelag ändert sich von schlechtem Asphalt zu gutem festgefahrenen Schotter, zügig durch die Obstplantagen und an zwei, drei Weilern vorbei. Am anderen Ende des Polje zeigt das Navi einige Serpentinen wieder hinauf zur Hauptstraße. Passt.

Die sind dann aber gar nicht mal so wenig steil, und dementsprechend ausgewaschen und rumpelig, aber machbar. Daran anschließend Waldwege wechselnder Qualität, von frischer Holzabfuhr mit schwerem Gerät aufgewühlte Passagen, in denen auch mal das Wasser steht, nur die Hauptstraße, die kommt nicht. Dafür parkt auf einmal in einem pfützenreichen Hohlweg ein Langholzlaster, dessen Fahrer offenbar genau diese Engstelle für sein Päuschen auserkoren hat. Auch ohne die schlüpfrigen Pfützen passe ich da zwischen Böschung und LKW beim besten Willen nicht durch, aber wir sind ja auf dem Balkan, die Pause wird unterbrochen, der Laster angeworfen, soviel wie eben unbedingt nötig rangiert und der Weg ist frei. Kurzes schlammschlingerndes Vorbeieiern, ein herzhaftes „hvala“ und weiter geht’s. Nochmal ein rumpelig-kurviges Bergabstück (wie will der Holzlaster da durchkommen??), dann wird der Straßenbelag und die Umgebung zunehmend zivilisiert und ich kann wieder im Sitzen fahren, auf den Road-Modus wechseln und –

Stopp! Was wedelt der da so mit den Armen? Ah, Baustelle, Warnhinweise Fehlanzeige und der Asphaltfertiger füllt fünfzig Meter weiter die volle Breite des Hohlwegs aus. Hier geht nix. Déjà-vu?

Der freundliche Bosnier spricht ein wenig deutsch, erklärt mir dass ich hier heute nicht durchkomme, seine Ortskenntnisse reichen allerdings für eine Umleitungsempfehlung offensichtlich nicht aus. Das Navi suggeriert eine potentielle Umfahrung, also ein Stück zurück, an diesem Bauernhof da vorbei, bellender Hund, steil bergab in die Botanik, nein, der Ansatz von heute morgen funktioniert hier definitiv nicht, so verstehe ich auch Frauchens wilde Gestik.

Ok, der Hund ist allein, klein und sieht auch nicht so mutig aus, vielleicht kann sein Frauchen weiterhelfen. Es entwickelt sich eine Konversation mit Händen und Füssen, der ich schließlich einen Ausweg bzw. den Schleichweg der locals entnehme, nochmal eine „technische Passage“ mit Behelfsbrücke durchs Bachbett, dann wird die Straße zusehends besser und an der nächsten Einmündung ist die Abkürzung Erlebnisstrecke vollbracht.

Im weiteren Verlauf bis Jajce genieße ich zur Abwechslung das butterweiche Dahingleiten auf gepflegtem Asphalt, und nach einer kurzen Rundfahrt durch die alte bosnische Königsstadt und die Besichtigung der Wasserfälle folge ich einer Empfehlung aus dem Forum, 160km meist gut ausgebautes, aber streckenweise spektakuläres Kurvengeschlängel bis Mostar.

Wieder mal beeindruckt mich die Herzlichkeit der Bosnier, selbst in dieser touristisch geprägten Stadt. Mein Hotel liegt zentral, in wenigen Schritten bin ich in der Altstadt, die diesmal zwar angenehm belebt, aber bei Weitem nicht mehr überlaufen ist, und beschließe den Tag mit einem leckeren bosnischen Menü und dem wieder mal faszinierenden Anblick der illuminierten Stari Most, der berühmten Brücke über die Neretva.

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PS: der geneigte Leser möge mir die Textlastigkeit nachsehen, an den wirklich interessanten Stellen liegt mein Fokus blöderweise meist mehr darauf, mir nicht in die .. zu machen als das Handy zu zücken. Daran kann ich bestimmt noch wachsen....
 
immer wieder beeindruckt, welches Niveau auch die Zimmer in einfachen Hotels bieten
Buchst Du ausschließlich tagsüber über Booking, oder nutzt Du auch andere Portale? Oder funktioniert im Oktober auch ein einfaches "anfahren" eines Hotels auf Sicht und nachfragen?
 
Buchst Du ausschließlich tagsüber über Booking, oder nutzt Du auch andere Portale? Oder funktioniert im Oktober auch ein einfaches "anfahren" eines Hotels auf Sicht und nachfragen?

All of the above :cool:

Am Vorabend meist schon mal grob vorsondiert über Booking und Google, im Laufe der Tages je nach Streckenfortschritt und Angebotslage über Booking, die bei Google aufgeführten Anbieter (meist teurer und/oder umständlicher) oder direkt über die Hotel-Website gebucht. Gab es mehrere nahe beieinanderliegende Optionen, dann hab ich die Hotels/Pensionen auch oft einfach angefahren und direkt nachgefragt.

Nur einmal bekam ich definitiv das letzte Zimmer im gewünschten Hotel (nicht nur laut booking :) ), ansonsten hatte ich nie den Eindruck ausgebuchter Häuser.
 
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Tag 4 – 2. Oktober

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Den Durmitor-Nationalpark und überhaupt die Bergregionen Richtung Montenegro schließt der Wetterbericht weiterhin aus, es bleibt also bei Plan B, Montenegro küstennah anzufahren.

So entspannt man von Norden kommend entlang der Neretva nach Mostar einläuft, so spektakulär, kurven- und aussichtsreich verläßt man die Stadt Richtung Südwesten. Bald biege ich jedoch über die Hochebene nach Süden ab, um über eine weitere spektakuläre Serpentinenstrecke wieder in das breite, tief eingeschnittene Neretva-Tal abzusteigen.

Die Kravica-Wasserfälle liegen eigentlich abseits meiner Route, als ich aber hoch über dem Neretva-Tal die funkelniegelnagelneue Autobahnbrücke sehe, disponiere ich kurzerhand um und gönne mir den Umweg über das jüngste Teilstück der bosnischen Autobahn. Schon die in den Fels gesprengte Zufahrt zur Anschlusstelle ist eindrucksvoll, ich erklimme die südliche Steilwand des Tales hinauf zur Mautstelle und – wähle genau die Mautspur, die Murphy mir zuweist. Weder Ticketknopf noch Ruftaste bewirken hier irgend etwas, weit und breit keine Menschenseele, kein Verkehr, kein Lebenszeichen.

Die Vielzahl an Überwachungskameras und das Wissen, dass anderswo das Zurücksetzen aus einer Mautspur mit horrenden Strafen geahndet wird, halten mich vorerst von dieser pragmatischen Lösung ab. Ich klappe den Seitenständer aus und marschiere quer über alle Mautspuren Richtung Betriebsgebäude. Offensichtlich sind die Kameras aber doch schon angeschlossen, jedenfalls taucht plötzlich eine helfende Gestalt auf, die an den Tasten genausowenig erreicht und mir dann genau die vorher angedachte pragmatische Lösung nahelegt. Läuft in Bosnien.

Für dieses Erlebnis und den Verschleiß einiger weniger Autobahn-, Brücken- und Tunnelkilometer in Alleinnutzung wird mir an der nächsten Ausfahrt die Rechnung präsentiert, 0,5 konvertible Mark, der gestandene GS-Fahrer kennt das noch als fünfzig Pfennige, auf der Kreditkartenabrechnung stehen später 0,26€!

Apropos Kreditkarte – meine Euros habe ich fast vollständig wieder nach Hause gebracht, Kartenzahlung war praktisch überall möglich, und selbst die albanischen Lek, die ich mir als einzige Fremdwährung gezogen hatte, musste ich zum Schluss mühsam vertanken.

Das Preisniveau relativiert sich übrigens kurze Zeit später an den Kravica-Wasserfällen; Busparkplätze, Andenkenläden, Bimmelbahn und Eintrittspreise zeugen davon, dass der Tourismus hier angekommen ist. Beim geringen Andrang zu dieser Jahreszeit dennoch eine lohnenswerte Sehenswürdigkeit.

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Wieder zurück an der Neretva folge ich dieser bis kurz vor die kroatische Grenze, um dann in einem Wechselspiel zwischen vergessenen Bergsträßchen und radikal durch den Fels gefrästen, EU-geförderten Neubaustrecken auf die alte Trasse der Dalmatinerbahn zu gelangen, die Ende des vorletzten Jahrhunderts von der k.u.k. Monarchie aus strategischen Gründen an der der Adria abgewandten Seite der Küstengebirge gebaut wurde.

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Eben dieses Küstengebirge überquere ich, einer spontanen Entscheidung an einem unscheinbaren Hinweisschild „Dubrovnik“ folgend, um auf der Uferstraße ein bisschen Adriaflair zu schnuppern. Die Schnapsidee bedingt natürlich eine Wiedereinreise in die EU, bei der ich selbst an diesem verschlafenen Grenzübergang intensiv nach mitgebrachten, nein, nicht Schnaps, sondern Zigaretten befragt werde.

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Der folgende Abschnitt der Jadranska Magistrala ist zu dieser Jahreszeit ein Genuss, dennoch steigt auch jetzt die Verkehrsdichte kurz vor Dubrovnik so stark an, dass ich mich darauf beschränke, die Stadt von der Höhenstraße aus zu bewundern und alsbald wieder nach links in die Berge und nach Bosnien anzubiegen.

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Der Kontrast zurück in Bosnien könnte größer nicht sein, ich kann Gilette auf den leeren Straßen wieder frei laufen lassen. In Trebinje bummele ich durch die schmucke Altstadt, in einem Café wird das Tagesziel „irgendwo an der äußeren Bucht von Kotor“, also Montenegro, festgelegt – ich werde einige Übernachtungsoptionen einfach anfahren und vor Ort entscheiden.

Am Ende wird es eine Pension direkt an der Uferpromenade von Baošići, Zimmer mit Blick aufs aufgepeitschte Meer, die Bora bläst gewaltig in dieser Nacht, ich bin froh dass Gilette geschützt auf der Terrasse steht. Dobrodošli u Crnu Goru!
 
Tag 5 – 3. Oktober

Der Wind ist eingeschlafen, der Himmel weiterhin bedeckt, heute wird es wechselhaft bleiben, aber die weiteren Aussichten sind gut. So beschließe ich der montenegrinischen Küste bis Shkodra zu folgen und von dort aus weiterzuplanen. Ein klitzekleines Problem habe ich mit meiner Sim-Karte, trotz beworbenem Balkan-Roaming kriegt mein Handy hier keinen Datenverkehr zustande und das Einstellungsmenü auf Bosnisch hilft mir nicht wirklich weiter. Der Sohn des Hauses vertieft sich mit Begeisterung in mein Problem, die anderen Frühstücksgäste reagieren eher verhalten auf die Servicepause. Eine Lösung finden wir trotzdem nicht, die gibt’s an der nächsten Tanke – eine montenegrinische Simkarte, 15€, 15 Tage, 500GB inkl. Balkan-Roaming – für den Rest der Reise gibt es, außer dass die Schwabenseele am Ende den Verfall von 492 ungenutzten GBs beweint, keine Probleme mehr!

Die Bucht von und Kotor selbst kenne ich bereits, daher kürze ich den Weg mit der Fähre über die Meerenge ab und verprasse die eingesparte Zeit anschließend im Stop and Go, die Hauptstraße nach Budva wird ausgebaut und der starke Verkehr in beiden Richtungen wird einfach durch die Baustelle geführt, eine Umleitung gibt es nicht. Auch unter Ausnutzung aller Optionen, die einspurige Fahrzeuge nun mal so mit sich bringen, bleibt hier viel Zeit liegen. Erst kurz vor Budva kann ich dem Verkehr auf der Küstenstraße durch den Abstecher über einen Bergrücken entkommen. Auf der kurvigen Abfahrt irritiert mich mein schwänzelnder Hinterreifen, erst als beim nächsten Anhalten meine Stiefelsohlen nahezu reibungsfrei über den Belag gleiten, wird mir klar dass die Straße hier dank jahrzehntelanger Autoreifenpolitur mit Sand und Salz den Reibwert sakraler Marmorböden hat. Obacht!

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Neben dem Sandburgenbau scheint sich um Budva herum der Hotelburgenbau größter Begeisterung zu erfreuen, hier halte ich mich nicht auf und folge lieber weiter der Jadranska Magistrala, die bald wieder spektakuläre Ausblicke, unter anderem auf die Hotelinsel Sveti Stefan bereithält. In Bar wird der Himmel richtig duster, hilft nix, die Besichtigung der Altstadt Stari Bar lasse ich nicht aus und ein kurze Regenphase lässt sich prima in einem der unzähligen Cafés aussitzen.

Ganz anders präsentiert sich einige Küstenkilometer später der Himmel über Ulcinj, blauer Himmel und Sonnenschein rücken die sehenswerte quirlige Altstadt, die imposante Festung und die Uferpromenade in bestes Licht.

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Den Umweg zu Montenegros Südzipfel, dem längsten Sandstrand der östlichen Adria und dem Buna-Delta spare ich mir für das nächste Mal auf und steuere den Grenzübergang nach Albanien an. Die Buna, die den Skutarisee in die Adria entwässert, wird von nur zwei Brücken, beide nahe beieinander gleich nach dem Austritt aus dem See gequert, somit führt kein Weg an Shkodra vorbei.

Inzwischen hat der weitere Plan Gestalt angenommen, die albanischen Alpen stehen seit dem letzten Besuch ganz oben auf der Liste, das Bergdorf Theth dürfte schon den ersten Schnee abbekommen haben und fällt somit aus, aber die nächsten Tage sollen auch in den Bergen sonnig werden, also drängen sich Koman-Stausee, Valbona und die Bergregionen im Nordosten Albaniens geradezu auf.

Die Fähre für morgen ist gebucht, ebenso eine Unterkunft vor Ort, da die Fähre bereits um 9 Uhr morgens ablegt, noch einmal vollgetankt und ab in die Berge. Über den Straßenzustand nach Koman liegen mir widersprüchliche Aussagen vor, ich bin auf alles gefasst als ich auf die SH25 abbiege, die für die nächsten 30km kurvenreich die unzähligen Buchten des Vau-Deja-Stausees bis nach Koman umschlängelt.

Die zeigt sich vorerst als rustikale Bergstraße in mittelprächtigem Pflegezustand, Abbrüche am Straßenrand werden albanisch-pragmatisch durch größere Steine markiert und „gesichert“. Bei großen Schlaglöchern und Verwerfungen im Straßenbelag bewährt sich dieses Verfahren nicht und wird daher einfach weggelassen. Nachts möchte ich hier nicht unterwegs sein, was allerdings auf dem Balkan generell keine gute Idee ist.

Nach wenigen Kilometern wechselt das Bild, immer mehr schweres Baugerät am Straßenrand, die Straße wird umfangreich saniert, verbreitert und begradigt. Bedeutet im jetzigen Zustand zwar nicht mehr als eine breite, grob vorverdichtete Schotterpiste, aber überraschende Steilstücke, Auswaschungen oder kindskopfgroße Steine sind hier kaum zu erwarten – ich komme zügig voran und muss nur in den Kurven mit gelegentlich lockerem Schotter rechnen.

Zudem habe ich Glück, für heute ist Feierabend, die Baumaschinen sind beiseitegeräumt und ein paar Kleinbusse sammeln die Arbeiter an den verschiedenen Abschnitten ein. Tagsüber kann ich mir da ein paar baubedingte Verzögerungen vorstellen. Ein deutsches Rentnerehepaar erzählt mir später in der Pension weit weniger begeistert von der Tortur mit dem Mietwagen… Gilette hat jedenfalls Spaß und obwohl ich hier kaum nennenswert über Meereshöhe unterwegs bin (selbst der Wasserspiegel des Koman-Sees liegt nur auf 170m), ist die Landschaft so karg und zerklüftet, dass ich mir durchaus einbilden kann im Hindukusch unterwegs zu sein.

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Schließlich tauchen die verstreuten Häuser von Koman auf, meine Unterkunft lasse ich erstmal links liegen und quere über eine breite Brücke den Drin respektive eher noch den letzten Zipfel Vau-Deja-Stausee, denn dessen oberes Ende reicht fast bis an die Koman-Staumauer. Ich möchte mir in Ruhe einen Eindruck vom Fähranleger machen, bevor ich mich morgen in dem kreativen Chaos wiederfinde, das mir diverse Youtube-Videos vermittelt haben. Die Straße windet sich, hier wieder asphaltiert, fast bis auf Höhe der Dammkrone, bevor sie nach einem kuriosen mehrfach abknickenden Tunnel unvermittelt auf einer nicht allzugroßen betonierten Fläche auf der Seeseite endet. Morgen früh werden mir hier 2€ „Hafengebühr“ abgeknöpft werden.

Heute Abend ist nichts los, ein paar Albaner kommen auf mich zu, ob ich zur Fähre wolle, ja, morgen früh, ob ich bereits ein Ticket habe, ja, wann ich mich hier einfinden solle, eine halbe Stunde vor Abfahrt. Das klingt alles gut organisiert.

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Der Blick auf den See weckt Vorfreude auf morgen, für heute geht es zurück zur Unterkunft, eine Villa, die zur Zeit des Dammbaus die französischen Ingenieure beherbergt hatte. Es wird ein netter Abend mit zwei deutschen Urlauberpaaren, die mehr oder weniger ähnliche Pläne haben und rückt meine Vorstellung zurecht, hier etwas besonders Exotisches zu unternehmen.
 
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Tag 6 – 4. Oktober

Am nächsten Morgen sieht es am Fähranleger schon ganz anders aus. Bereits vor dem Tunnel parken Autos aller Couleur, entladen Kleinbusse ihre Passagiere, der Tunnel selbst ähnelt einer Fussgängerunterführung mit verkeilten Fahrzeugen. Gilette findet immer noch eine Lücke zum Durchkommen, am Tunnelausgang wird mir besagte Hafengebühr abgeknöpft und die Fähre „Berisha“ zugewiesen. Eine zweite Fähre und unzählige kleinere Boote liegen daneben, es geht zu wie im Basar. Ich darf direkt auf die Fähre fahren, das finale Abstellen übernehmen zwei Albaner, ich möchte nur bitte den linken Koffer abnehmen. Nur den linken? Die Jungs rechnen in Zentimetern!

Die Packungsdichte wird enorm, kein Freiraum wird verschenkt; als ich später meine Handschuhe aus dem Topcase holen möchte, habe ich keine Chance mehr da ranzukommen. Aufgrund meines frühen Boardings kann ich nun vom Sonnendeck aus entspannt dem weiteren Beladen zuschauen. Da die Fähren lediglich eine Bugrampe haben, müssen alle Fahrzeuge rückwärts auffahren, ein spannendes Schauspiel, die Einweiser leisten ganze Arbeit.

Obwohl in dem Gewusel keine Struktur ersichtlich ist – nachdem der letzte Kleinbus die letzte Lücke ausgefüllt hat, legt „Berisha“ ab – pünktlich!

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Der Ausblick entlang des fjordähnlichen Stausees und auf die umliegenden neuschneebedeckten Gipfel ist unbeschreiblich und nach jeder Biegung des oft extrem schmalen Gewässers bietet sich ein neues Bild – obwohl mich der kalte Fahrtwind auf die Dauer trotz Mopedklamotten richtig auskühlt, mag ich das Aussichtsdeck nicht verlassen – bis auf den einen vergeblichen Versuch, an meine Handschuhe zu kommen, siehe oben.

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Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt schon, als der See merklich flacher wird und der reichlich improvisierte Anleger von Fierzë in Sicht kommt. Das Ausschiffen wirkt nochmal wie eine Demonstration der Chaostheorie, ist aber in kürzester Zeit erledigt und ich rolle wieder mitsamt dem linken Koffer auf festem Boden und genieße die Annehmlichkeiten des Motorradfahrens wie Windschild, Handschuhe und Griffheizung.

Das Sacktal von Valbonë enttäuscht mich ein wenig aufgrund der wolkenverhangenen Gipfel, im letzten Hotel des Tales veranstaltet offenbar die Raiffeisenbank-Sektion Mittelbalkan ein Fortbildungswochenende, die Straßen im weiteren Verlauf entlang der Grenze zum Kosovo sind dagegen ein Traum – kurvenreich, menschenleer, in überwiegend überraschend gutem Zustand und bieten fantastische Ausblicke in eine eben doch noch sehr einsame Bergwelt.

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So wie der Vau-Deja-Stausee bis an die Staumauer des Koman-Sees reicht, berührt dieser fast den Fierzë-Damm, der den dritten und mit 55km Länge größten Stausee des Drin aufstaut. Nach über hundert Kilometern Traumstrecke quere ich über die bis hierher erste Brücke den ziemlich leeren Stausee, der sich nun in die Täler des Schwarzen und des Weißen Drin aufteilt. Dazwischen liegt die Stadt Kukës, die beim Aufstauen des Sees überschwemmt und in höherer Lage wieder aufgebaut wurde. Der Osten Albaniens ist erkennbar muslimisch geprägt, so herrscht hier ein schon fast orientalisches Flair, und im weiteren Verlauf leuchten die Minarette der Bergdörfer in der Nachmittagssonne.

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Nochmal siebzig Kilometer Kurven zum schwindlig werden, müsste ich nicht ab und zu anhalten um in Ruhe das Panorama zu genießen,
dann erreiche ich mit Peshkopi eine weitere orientalisch anmutende Kleinstadt, das Hotel Mont Blanc ist gebucht und verschlägt mir fast die Sprache, so gediegen sind Zimmer, Einrichtung und Restaurant. Daß das Motiv der Fototapete mit der stolzen Aufschrift Mont Blanc auffallend an die Geisleralm in Südtirol erinnert, geschenkt. Über den zuvorkommenden Service brauche ich sowieso keine Worte mehr zu verlieren, und anstatt mich in die albanische Speisekarte zu vertiefen lasse ich mir einfach das Tagesessen bringen, die Vorgehensweise hat sich bereits bewährt.

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Shqipëri, ajo ishte një ditë e mrekullueshme!
 
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Tag 7 – 5. Oktober

Sonntagmorgen, Erntedankfest – was immer hier gefeiert wird, der Frühstücksraum des Mont Blanc dient der aus dem Erwerbslebens ausgeschiedenen Bevölkerung Peshkopis offenbar als Treffpunkt zum Gedanken- und Neuigkeitenaustausch. Sprachlich komme ich da nicht mit, daher hole ich zeitig Gilette aus dem Stall und kurve einem Land entgegen, das ich bei der Vorplanung gar nicht auf dem Schirm hatte – Nordmazedonien.

Sehr zu unrecht, denn der Fahrspaß in Nordmazedonien steht dem in Albanien in nichts nach: von der Grenze bis zum Ohridsee ein einziger Kurvenzauber, dazu mit zunehmend sensationellen Ausblicken auf die Schneegipfel, die den Grenzverlauf zu Albanien markieren.

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Den zweitgrößten See der Balkanhalbinsel umfahre ich im Osten, der spontane Stopp in Ohrid ufert aus in einen ausgedehnten Sightseeing-Bummel durch Altstadt, Fussgängerzone und Uferpromenade inklusive Stärkung in einem Café dort, wo alles zusammentrifft. Prädikat unbedingt sehenswert!

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Unbedingt sehenswert wären eigentlich auch die Klosteranlagen Sveti Naum am Südufer des Sees, hätte ich da nicht auf der Karte ein paar Serpentinen entdeckt, die eine Passtraße hinüber zum Prespa-See markieren. Die Straße ist mautpflichtig, 250 Dinar knöpft mir der nicht besonders überarbeitet wirkende junge Mann ab und erklärt, dass die Straße den Preis unbedingt rechtfertigt. Es zeigt sich schnell, wie recht er hat – was die Bergstrecke an Kurven und Ausblicken über einen der ältesten Seen der Welt bietet, ist mehr als die umgerechnet vier Euro wert. An einem Aussichtspunkt treffe ich drei nordmazedonische Ducatisti, die die Strecke als Sonntagsrunde gleich in beiden Richtungen befahren. Pay once, enjoy twice.

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Ich begnüge mich mit der einfachen Strecke, wechsle am Prespa-See wieder zurück nach Albanien, wobei der Grenzübergang hier der Einfachheit halber nur einen Schalter hat, Fahrzeug parken und am Schalter anstehen heißt es hier, und folglich muss der Grenzbeamte dann erst einmal fragen, ob ich jetzt von Albanien nach Nordmazedonien oder umgekehrt unterwegs bin. Raffiniert.

Die Straße habe ich wieder für mich allein, kurve idyllisch oberhalb des Sees gen Süden und falle fast vom Moped, als unvermittelt vor mir das Gelände ein-, zweihundert Meter abbricht und in eine weite Ebene übergeht. Was für ein Anblick!

Das Panorama entschädigt vorab dafür, dass das Durchqueren der Ebene naturgemäß nicht zu den fahrerischen Highlights gehört, aber sobald die nächsten Berge erreicht sind, entpuppt sich die SH75 als weitere Topstrecke Albaniens. Das finden wohl auch andere, denn nirgendwo sonst in Albanien begegnen mir so viele Motorräder. Beinahe kurvenmüde pausiere ich in Leskovik vor der schicken Destillerie mit angeschlossenem Hotelrestaurant und überlege, ob die Tageszeit den albanischen Einkehrschwung rechtfertigt oder doch noch die griechische Taverne lockt. Ich entscheide mich für Letzteres, und wenn schon, denn schon:

Zitat: „In Leskovik geht’s VOR der großen Linde am Dorfplatz rechts rückwärts, in den schönsten Streckenabschnitt, die Straße durch die Carkova Schlucht nach Carshove. In diesem Bereich ist die Fahrbahn stellenweise in Auflösung begriffen, die Landschaft absolut sehenswert.“

Dem ist nichts hinzuzufügen, vor allem „in Auflösung begriffen“ und „absolut sehenswert“ trifft vollumfänglich zu, hinter den unscheinbaren Sportplätzen von Leskovik beginnt eine atemberaubende Abfahrt in die Schlucht, die wohl wenig befahren wird, - der Schafhirte schaut mir jedenfalls in einer interessanten Mischung aus Interesse, Verwunderung und Amusement hinterher.

Unten im Haupttal angekommen, sind es nur noch ein paar Kilometer bis zur griechischen Grenze, unterwegs kommt mir die heute mehrfach angetroffene bayerische BMW-Truppe entgegen, die haben wohl den Abzweig vor der großen Linde am Dorfplatz rechts rückwärts verpasst…

Griechenland begrüßt mich mit einer EU-konformen Grenzstation, geschlossenen Schranken und leeren Schaltern. An sich bin ich ja ein geduldiger Mensch, nur die dunklen Wolken gefallen mir nicht. Wieder so ein Déjà-vu, ich parke Gilette, marschiere mit freundlichem „kalimera, kalispera“ auf den Lippen in das Dienstgebäude einer fremden, aber befreundeten Nation, bis ich Stimmen höre und ein auftauchender Uniformierter mich konsterniert anschaut. Offensichtlich bin ich bereits illegal in die EU eingedrungen, jedenfalls soll ich schleunigst zurück an den Schalter. Von außen. Gerne, und reiche ihm, routiniert durch zahllose Grenzübertritte, Fahrzeugschein und Perso.

Ersterer interessiert ihn nicht, prima, Gilette darf schon mal nach Hellas. Mein Perso und das griechische Lesegerät verstehen sich anscheinend genau so schlecht wie ich den Grenzer, jedenfalls versucht er wiederholt meinen Perso durch Anhauchen und Abreiben an seiner Uniformjacke zum Dialog mit dem EU-konformen Lesegerät zu bewegen. Der Perso sei kaputt, gibt er mir zu verstehen und winkt als Nächstes den österreichischen WoMo-Lenker nach vorn.

Aha, das kommt jetzt überraschend, bin ich doch allein heute aus Albanien aus-, nach Nordmazedonien ein- und wieder aus-, sowie erneut nach Albanien eingereist. Vom Rest der Woche ganz zu schweigen. Wahrscheinlich halt immer nur analog anstatt modern.

Ob ihm mein Reisepass helfen würde, bevor mein Perso durch sein Anhauchen vollends aufweicht? Eine überraschende Wendung, er muss mich doch nicht in Gewahrsam nehmen. Eine Minute später ist mein gewaltfreies Eindringen in die EU nachträglich legalisiert. Hellas, wir sind drin!

Schlagartig zeigt die Uhr eine Stunde später, zwanzig Kilometer weiter wartet mein Hotel, den Abend beschließe ich versöhnlich zwischen Kafenion und Taverne auf dem griechischen Dorfplatz.

Kalinichta!
 
Tag 8 – 6. Oktober

Der Regen pladdert fröhlich auf die Terrasse des Hotels und läßt mich das Frühstück ausgiebig genießen. Goldener Oktober in Griechenland. Immer noch steht die Frage im Raum, westlich oder östlich des Pindosgebirges weiterziehen, Vikos-Schlucht oder Meteora-Klöster. Ich entscheide mich nach dem Studium verschiedener Niederschlagsmodelle für die Klöster, vertraue darauf, dass der Regen wie prognostiziert Punkt 10 Uhr endet und starte gen Osten zum Vasilitsa-Pass.

Der Regen hört tatsächlich auf, aber dafür stochere ich auf der schmalen Bergstraße streckenweise durch ziemlich dichten Nebel. Doch auch der lichtet sich ganz langsam – wo bin ich denn hier gelandet? Sehr einsames Winkelwerk und wohl das, was man landläufig als schwer zugängliche Bergregion beschreibt. Ich bekomme eine erste Ahnung davon, dass die griechischen Straßen gerne mal drei Kategorien kleiner sind als das, was ich nach der Karte eigentlich erwarte. Und auch, dass Steinschläge in den Bergen zum Straßenbild gehören und auch eine großflächige Bestreuselung der Fahrbahn noch lange keinen Anlaß für übertriebenen Räum-Aktionismus bietet.

Wann immer die tiefen Wolken und der Straßenverlauf einen Fernblick zulassen, sehe ich bewaldete Berghügel und tiefe Täler, eine wahrlich dünn besiedelte Gegend. Kurz vor dem gut tausend Meter hohen Vasilitsa-Pass quert vor mir eine Schafherde die Straße, ich beneide den Schäfer nicht, denn hier oben weht ein kalter Wind. Auf der anderen Seite des Passes wechselt das Bild, es wird merklich trockener, die Sonne zeigt sich immer öfter und die Laubwälder leuchten in bunten Farben.

Im großen Bogen nähere ich mich Meteora von Nordosten, über die Berge, von Kurve zu Kurve heben sich die imposanten Sandsteintürme deutlicher vor dem Hintergrund der weiten Ebene hervor. Auf einem Aussichtsparkplatz steht das Servicemobil eines bekannten Anbieters für Motorradgruppenreisen, der üppig beladene Picknicktisch daneben gibt mir einen Eindruck von den Vorzügen betreuten Reisens.

Bei weiterer Annäherung an die spektakulären Klosterbauten zeigt sich wieder einmal, dass die Realität auch hier weitaus wirkungsvoller ist als alle Drohnen-, Film- und Hochglanzaufnahmen. Ich mag mich nicht in die Besucherströme einreihen, finde aber an den Straßen immer wieder ein Plätzchen, das mir ungestörtes Bestaunen der unglaublichen Bauten ermöglicht.

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Nach so vielen Eindrücken habe ich mir eine Stärkung verdient, lasse aber die zahllosen Grillrestaurants mit Busparkplatz am Fusse der Felsnadeln links und rechts liegen, auch wenn sie betörende Düfte verströmen, und finde ein Café nach meinem Geschmack an einem belebten Kreisverkehr in Kalabaka. Kino pur!

Einen Toast mit griechischem Kaffee später geht es wieder Richtung Pindos, durch Bergdörfer und Täler, in denen jetzt ausgetrocknete Flüsse zerstörerische Spuren hinterlassen haben. Ich folge dem Lauf des Acheloos auf den unterschiedlichsten Straßenbelägen bis zum kuriosen Mesochora-Damm, der seit seiner Fertigstellung vor 25 Jahren vergeblich darauf wartet, den Acheloos aufstauen zu dürfen. Die über den Damm führende, relativ gut ausgebaute Straßenverbindung Arta-Trikala verlasse ich nichtsahnender Tor alsbald wieder, da ich eine schöne kurvige Route mitten durch die Berge nach Süden geplant und auch schon ein vielversprechendes Hotel avisiert habe.

Seit Bosnien bin ich etwas sensibler geworden was das Abbiegen von kleinsten Straßen auf noch kleinere Straßen betrifft. In Griechenland scheint jedenfalls jede jemals genutzte Verbindung zwischen zwei Ansiedlungen kartiert zu werden, ohne allerdings gleichzeitig das hierfür am besten geeignete Transportmittel mit anzugeben. Nach dem bereits recht rustikalen Abzweig in ein entlegenes Bergdorf lotst mich das Navi auf eine Fortsetzung, die nach meiner Einschätzung ideal zu einem geländetauglichen Ochsenkarren nebst motivierten Zugtieren passt. Gilette scheut und will zurück auf die Hauptstraße. Ich stimme zu, die Stimme aus dem Navi ist beleidigt, hier siegt die Vernunft.

Das avisierte Hotel ist so bei Tageslicht nicht mehr erreichbar, die Hauptstraße führt mich stattdessen Richtung Ambrakischer Golf, aber ich bin ja flexibel und passe mich den Realitäten an.

Nur dass meine Hauptstraße jetzt rapide degeneriert, der Straßenbelag vollständig – wie war die Formulierung gestern? – „in Auflösung“ begriffen ist und als Bonus heute Steinschlaggeröll in allen handelsüblichen Körnungen die undefinierbaren Fahrbahnreste ergänzen. Um die größten Trümmer muss ich Zickzack fahren, was mir bei dem, was von oben kommt, leider nicht gelingt. Von Steinschlag bleibe ich zum Glück verschont, aber Zeus zürnt und schleudert zwar keine Blitze, aber einen veritablen Schauer. Timing ist eben alles!

Auch das zweite Prädikat von gestern, „absolut sehenswert“, würde dieser an den Fels geschmiegten, kaum randgesicherten Straße hoch über der Acheloos-Schlucht unter anderen Bedingungen zweifellos gerecht werden, heute suche ich mir meine Spur durch das regenüberströmte Trümmerfeld und habe leider wenig Kapazitäten für Sehenswertes übrig. So zieht sich das unerwartet über fast 25 Kilometer bis hinab zum Fluss und auf der anderen Seite wieder hinauf, als Zeus endlich ein Einsehen hat, die Schleusen schließt und uns wieder halbwegs ordentlichen Asphalt vor die Räder legt.

Kurz die Nässe abgeschüttelt, neu orientiert und die Gesamtsituation analysiert: der Ambrakische Golf sollte auf vernünftigen Straßen bis kurz nach Sonnenuntergang erreichbar sein, es klart zusehends auf, die Götter lächeln vom Olymp herunter und versüßen dem Reisenden die letzten Kilometer durch duftende Olivenhaine mit dem goldenen Licht der untergehenden Sonne und dem milden Silberglanz des aufgehenden Vollmonds, als er endlich die Herberge an den Gestaden Menidis erreicht.
 
Tag 9 – 7. Oktober

Zeus und Helios sind sich immer noch nicht grün, jedenfalls hat die Sonne heute ihre liebe Mühe gegen die Bewölkung. Nach den gestrigen Erfahrungen beschränke ich mich vorerst auf die größtmögliche Straßenkategorie unterhalb der „Autobahn“ und bin damit Richtung Patras gar nicht so schlecht bedient, denn der Hauptverkehr rollt über ebendiese und überlässt mir die Nationalstraße.

Irgendwann wird mir das dann aber doch zu langweilig, mich sticht der Hafer und nehme das letzte Stück zum Golf von Patras über die Berge statt drumherum. 20 Kilometer feinste Bergsträßchen, hier und da die erdigen Reste des letzten oder auch vorvorvorletzten Starkregens, die ein – hoppla, bremsen! – altehrwürdiger Bagger hinter der Kehre beseitigt. Ich grüße freundlich, der Grieche grüßt zurück und macht Platz. Eine urige Dorfdurchfahrt, dann kommt es wie es kommen musste: der „secondary highway“, aha, setzt sich steil aufwärts, ausgewaschen und lehmig durch Olivenhaine fort. Unter Berücksichtigung der regenschwangeren Wolken eindeutig zu steil, ausgewaschen und lehmig für meinen Geschmack.

Der Baggerfahrer freut sich, mich wiederzusehen, ich zucke im Vorbeifahren mit den Schultern und genieße 20 Kilometer feinste Bergsträßchen, jetzt in der Gegenrichtung. Zurück auf die Nationalstraße, dann halt doch um die Berge herum, die Regenwolken kommen ihrer Bestimmung nach und der einsetzende Niederschlag motiviert mich sogar ausnahmsweise dazu, auf die Autobahn auszuweichen.

Spätestens für die sehenswerte Rio-Andirrio-Brücke über die Meerenge nach Patras muß ich ohnehin auf die Autobahn wechseln, so bekomme ich für einen geringen Mautbetrag schon vorab ein paar trockene Tunneldurchfahrten. Deal. Die Überfahrt über die fast drei Kilometer lange Brücke, deren vier Pylone mangels festem Untergrund einfach stumpf auf dem losen Meeresgrund stehen, kann ich fast niederschlagsfrei genießen, bereits in Patras pladdert der Regen aber wieder so nachdrücklich, dass die Besichtigung des Zentrums im Vorbeischwimmen erfolgt. Über den Bergen des Peloponnes bleibt es duster, so bleibe ich einfach auf der Küstenstraße und fahre dem vorausgesagten guten Wetter entgegen.

Bis Pyrgos ist die parallel verlaufende Autobahn größtenteils fertiggestellt, weswegen auch hier die Erhaltungsanstrengungen für die Nationalstraße heruntergefahren werden, so wird die zweispurige Fahrbahn immer wieder beidseitig von meterhoch ungestört wucherndem Schilf bedrängt und eingeengt.

Immerhin hat sich Helios inzwischen gegen seinen Vetter Zeus durchgesetzt und putzt mit seinem Sonnenwagen die Wolken weg. Er wird mir tatsächlich für den gesamten Rest der Reise gewogen bleiben. Als ich schließlich Gilette an der Promenade von Kalamata vor einem Café parke, kommt kein Gedanke mehr an Goldene Oktobertage auf, es herrscht Altweibersommer am Messenischen Golf.

Das Ambiente gefällt mir so gut, dass ich für heute aufs Weiterfahren verzichte und mich direkt in ein Hotel ein paar Meter weiter einbuche. Das Upgrade auf ein Eckzimmer mit umlaufendem Balkon nehme ich dankend an und muss nun nur noch entscheiden, das Abendessen an der belebten Marina oder auf der lauen Dachterrasse einzunehmen.

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Helios’ Schwester, die Mondgöttin Selene, steigt derweil über den östlichen Horizont und gibt mir zu verstehen: Alles richtig gemacht!

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Tag 10 – 8. Oktober

Die grobe Idee war ja ursprünglich, günstigstenfalls den Golf von Korinth zu umrunden. Da ich nun aber schon einmal hier unten bin, kann ich auch meine Sammlung von geografischen Extrempunkten um Kap Tenaro ergänzen, dem südlichsten Punkt der Balkanhalbinsel und dem nach Punta de Tarifa zweitsüdlichsten Kap des europäischen Festlands. Dazu muss ich nur Mani, den Mittelfinger des Peloponnes umrunden und am Ende der Straße auf Schusters Rappen, respektive meinen Daytonas, den Leuchtturm von 1883 erwandern. Und dabei tunlichst die Grotte vermeiden, die als einer der Eingänge zum Hades gilt.

Die Strecke dorthin ist eine Traum, wo die karge Steilküste das Taygetos-Gebirges genügend Raum läßt, mäandert die Straße durch unzählige Olivenhaine, senkt sich herunter bis zu winzigen Strandbuchten und verläuft bald wieder aussichtsreich hoch über der felsigen Küste. In einem Kafenion an der winzigen Marina eines pittoresken Dörfchens sinniere ich beim Espresso darüber nach, mich gleich hier und jetzt zur Ruhe zu setzen.

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Diesen Gedanken hatten wohl auch schon andere, denn die schmucken Villen hier erinnern an Toskana oder Provence, allerorten wird renoviert und restauriert, oft nach der ganz speziellen Architektur der hier überall anzutreffenden Wehr- und Wohntürme. Streitbares Piratenvolk.

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Gut vier Kilometer beträgt der Wanderweg zum Leuchtturm und zurück, die Vegetation ist so karg dass sich hierher kaum eine Ziege verirrt. Zum Ende verläuft der Weg ganz oben auf dem Rücken des Kaps, der Wind hat freies Spiel und Wellen branden heftig an die Felsküste. Dann stehe ich am Leuchtturm hoch über der Brandung und genieße den weiten Blick, fast 400 Kilometer ungestörtes Mittelmeer sind es von hier bis nach Libyen.

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Auf dem Weg zurück nach Norden, mitten durch den Peloponnes, bleibe ich bei der bewährten Strategie, möglichst den primary highways zu folgen – die sich oft genug als veritable Bergstrecken entpuppen, bis hin zur spektakulären Serpentinenabfahrt zum Argolischen Golf, quasi zwischen Daumen und Zeigefinger des Peloponnes gelegen. Dort angelangt muss ich nur noch der Uferline bis Nafplio, der ehemaligen Hauptstadt Griechenlands folgen, wo ich spontan ein Zimmer in einer schmucken alten Hotelvilla finde und den Abend in der wunderschönen Altstadt ausklingen lasse.

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... sinniere ich beim Espresso darüber nach, mich gleich hier und jetzt zur Ruhe zu setzen ...
😂 ... ein frommer Wunsch ... aber :rolleyes: ... ich neige zur Überzeugung dass Dir das sehr schnell zu langweilig wird ;)
 
Tag 11 – 9. Oktober

Frühstück unter Palmen im Garten meiner Hotelvilla, ein perfekter Start! Ich entscheide mich den peloponnesischen Daumen, die bergige argolische Halbinsel hinüber zum Saronischen Golf zu queren, mir einzubilden von dort aus, wenn ich die Augen ganz fest zusammenkneife, am Horizont Athen und den Hafen von Piräus zu erkennen und anschließend zum Isthmus von Korinth abzubiegen. Dort warten zwei Highlights aus meiner griechischen bucket list, der Kanal von Korinth und der Apollo-Tempel der antiken Stadt.

Den Kanal quere ich zunächst an seinem südlichen Ende, die hölzerne Fahrbahn der Brücke, welche für durchfahrende Schiffe auf den Grund des Kanals abgesenkt wird, ist vom letzten Tauchgang noch nass und rutschig.

Im weiteren Verlauf ist der schmale Kanal schnurgerade tief in die Landenge eingeschnitten, dort queren Autobahn, Eisenbahn und Bundesstraße, sowie auch ich wenige Minuten später zunächst zu Fuß mit vielen weiteren Besuchern den Schiffahrtsweg in fast achtzig Metern über der Wasseroberfläche. Das tief unten passierende Frachtschiff füllt den knapp 25m breiten Kanal fast vollständig aus, ein Schlepper sorgt dafür, dass es nirgends aneckt. Ich hole Gilette nach – wir sind von Attika wieder zurück auf dem Peloponnes!

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Das antike Korinth und die Überreste des Apollo-Tempels liegen einige Minuten südwestlich der heutigen Stadt. Leider kündet bereits der Busparkplatz vom Gewusel im Ausgrabungsareal der antiken Stadt, so dass mir der Anblick des Tempels vor der Bergkulisse aus etwas Distanz viel besser gefällt. Einen leckeren Kaffee, serviert von einer griechischen Nymphe gibt’s dann gleich nebenan.

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Eine letzte Querung des Kanals über die ebenfalls versenkbare Brücke am Nordende und der Peloponnes liegt endgültig hinter uns. Die östliche Hälfte des Nordufers des Golfs von Korinth ist sehr zerklüftet und lässt sich nicht durchgängig befahren, weswegen ich nach Norden ausweiche und dort ganz neue Eindrücke im nicht touristischen, ländlichen-industriellen Griechenland bekomme.

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Bei Livadia biege ich auf die EO48, die westwärts durch die Berge schlussendlich zur Brücke bei Patras führt, auf halbem Weg zweigt davon eine dann durchgängige Küstenstraße zum gleichen Ziel ab. Zunächst windet sich die Straße jedoch immer höher in die Berge, bis ich in Arachova plötzlich staunend Skischulen, Snowboardverleih- und Wintersportläden passiere, die entlang der Hauptstraße um die Gunst der Besucher buhlen.

Auch wenn das charmante Bergdorf Alpenflair versprüht, für Après-Ski ist es noch zu früh. Keine zehn Kilometer sind es von der Wintersportmetropole ins antike Delphi, der krasse Themenwechsel fordert meine geistige Flexibilität. Ich parke Gilette und orientiere mich erst einmal: Museum, Café, Souvenirshop, Ausgrabungsstätte. Ich steige mal mit dem Ausgrabungsgelände ein und lasse mich überraschen, wieviel Tag danach noch übrig ist.

Steigen bringt es auf den Punkt – das Heiligtum der Antike, „malerisch eingebettet in eine halbkreisförmigen Berglehne am Fusse des Parnass-Gebirges“, ist in seiner vertikalen Ausdehnung insbesondere in Motorradkluft eine echte Herausforderung. Aber eben auch durch die Dichte der Ausgrabungsstätten, des Apollo-Tempels als Sitz der Orakels, der Austragungsstätten der Pythischen Spiele, Stadion und Theater ganz besonders eindrucksvoll.

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Die Eindrücke muss ich sacken lassen, so buche ich mir direkt hier in der sehr übersichtlichen, aber ebenso malerisch gelegenen Kleinstadt Delphi ein Zimmer, beim Abendessen im empfohlenen Restaurant reicht der Blick im Licht der untergehenden Sonne über die Olivenhaine tief unten im Tal bis hinaus auf den korinthischen Golf.
 
Tag 12 – 10. Oktober

Heute heißt es Berge rechts, Meer links, und das möglichst konsequent durchziehen bis Preveza. Dazu muss ich allerdings des Meer erst einmal erreichen. Vom hochgelegenen Delphi die Serpentinenstrecke hinunter, durch die Olivenhaine des gestrigen Panoramablicks nach Itea, dort beginnt die Küstenstraße, die sich meist gut ausgebaut um jede Bucht schlängelt. Da die wenigen größeren Ansiedlungen teilweise sogar vertunnelt im Hinterland umfahren werden, biege ich auch mal ab und zuckele möglichst nah am Wasser durchs Ortszentrum. Viel los ist allerdings nirgendwo.

Das ändert sich in Nafpaktos, einer Kleinstadt am Ausgang des korinthischen Golfs, die ich auf Empfehlung des Hoteliers in Delphi ansteuere. Das Verkehrschaos bis ins Zentrum ist „südländisch“, ich muss mir immer wieder vergegenwärtigen, dass Gilette mit ihren Koffern etwas breiter baut als die unzähligen Roller, die zu beiden Seiten vorbeiflitzen. Dafür entschädigt der liebevoll restaurierte venezianische Hafen mit den umliegenden Cafés. Ein Denkmal erinnert an den Autor des Don Quijote, Miguel de Cervantes, der 1571 in der Seeschlacht von Lepanto, wie Nafpaktos auf italienisch heißt, seine linke Hand verloren haben soll. Neben weit über 30.000 Todesopfern der blutigen Galeerenschlacht zwischen der Heiligen Liga und dem Osmanischen Reich. Ketzerisch fröne ich dem Aufputschmittel der Osmanen, einem koffeinhaltigen Heißgetränk und komme mit einigen griechischen Motorradfahrern ins Gespräch.

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In der Ferne ist bereits wieder die ikonische Brücke über die Meerenge nach Patras zu erkennen, bei diesmal gutem Wetter nehme ich sie anschließend aus nächster Nähe, von der Festung Andirrio aus in Augenschein. Damit ist die Schleife um den Golf von Korinth geschlossen, hier beginnt offiziell die Rückfahrt.

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Die führt mich, diesmal ohne Nutzung der Autobahn, Berge rechts, Meer links, vorbei an den ausgedehnten Salinen um Mesolongi zu einem weiteren Kleinod, der Lagunenstadt Etoliko. Die akkurat angelegte Altstadt liegt als kleine Insel mitten in einer Engstelle der Lagune und ist nach Osten und Westen über Brücken mit dem Festland verbunden. Diese quere ich zum fruchtbaren und daher intensiv landwirtschaftlich genutzten Delta des Acheloos, bis auf der gegenüberliegenden Seite des Schwemmlands die bergige ionische Küste beginnt. Eine weitere Stärkung von der netten Bedienung im verschlafenen Beachcafé von Astakos, dann folgen unzählige menschenleere Kurvenkilometer entlang der Steilküste, Meer links, Berge rechts.

Mit Annäherung an den Ambrakischen Golf nähert sich auch wieder die Autobahn, ich bleibe auf der verlassenen Parallelstraße, hart vorbei am Flughafen Aktio, der die ganze Breite der Halbinsel einnimmt und versinke im Meer…

Die schmale Öffnung des Ambrakischen Golfs zum Ionischen Meer wird von Griechenlands einzigem Unterwassertunnel gequert, in der seismisch aktiven Gegend bis ich froh, nur eineinhalb Kilometer „unter Wasser“ zurücklegen zu müssen.

Preveza begrüßt mich mit einem unglaublichen Mix aus levantinisch-schlichten Ladenstraßen und westlich-glitzernder Fussgängerzone, souk-ähnlicher Gassen voller Restaurants und mondäner Marina mit Segeljachten der Oberklasse dicht an dicht. Meine Unterkunft erfüllt dagegen alle griechischen Klischees, der Anbieter lotst mich per WhatsApp in ein unscheinbares Vielparteienhaus, Treppenhaus im Rohbauzustand, Schlüssel unter der Topfpflanze vor dem Vierzimmerapartment mit großer Dachterrasse, voll ausgestattet inklusive antiker Möbel, opulenter Gemälde und Spitzendeckchen. Reisen bildet eben.
 
Tag 13 – 11. Oktober

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Prima, Gilette steht noch unversehrt vor dem graffiti-verzierten Gemäuer auf dem bislang fragwürdigsten Parkplatz der Reise, als ich auf der Suche nach Frühstück vorbeischaue. Blöde Vorurteile. Der Barista im Hipster Café macht einen exzellenten Cappuccino, auch einen Zweiten. Dann will ich aufsatteln, als ich hinter mir völlig ungriechisch „Mister, Mister“-Rufe höre. Gilt womöglich mir. Meine Vermieterin will mich noch schnell kennenlernen, der WhatsApp-Kontakt entpuppt sich als nette ältere Dame, die mir über die Sprachgrenzen hinweg eine gute Reise wünscht. Poli efcharistò!

Weiter geht’s entlang der ionischen Küste, Meer links, ...ok, kennen wir bereits. Mehr Segelboote auf dem Wasser als Autos auf der Straße, wobei auch auf dem Meer kaum was los ist. Kleine hübsche Dörfer, dazwischen herrliche Kurven, Griechenland wie aus dem Katalog. In Parga spaziere ich zur Festung, ein kurzer Stopp an der Marina von Syvota, in Igoumenitsa geht mir beim Anblick der Fähren kurz die Idee von ein, zwei Tagen Korfu auf durch den Kopf und verschwindet wieder, ich freue mich auf Albanien.

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Jenseits von Igoumenitsa wird es bald sehr ländlich, das Grenzgebiet zu Albanien scheint keine Boomregion zu sein, in Sichtweite der Urlaubsinsel Korfu. So ist auch die Einreise schnell erledigt. Als erstes Ziel steuere ich die Seilfähre von Butrint an, um über den Kanal zwischen der Lagune und dem Meer überzusetzen. Mit zwei, drei Autos, einer internationalen Radlertruppe nebst Begleitfahrzeug und mir selbst ist die betagte Fähre gut ausgelastet und legt sofort los. 400 Lek ist die kuriose Überfahrt allemale wert.

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An ihrer engsten Stelle eben mal 2000 Meter breit ist die Straße von Korfu, die Meerenge zwischen der griechischen Insel und der gegenüberliegenden albanischen Halbinsel, deren Verlauf ich nun folge. Hier zeugt rege Bautätigkeit vom zunehmenden Tourismus in Albanien, die Hafenstadt Sarandë mit ihren gläsernen Fassaden, Hotels und Casinos wirkt wie ein Monte Carlo des Balkans.

Hier beginnt die albanische Riviera, die wunderbar zu fahren ist und zudem allerhand Überraschungen bereithält, wie die in der Bucht von Porto Palermo auf einer Halbinsel gelegene alte Festungsanlage und das Portal zu Enver Hoxhas unterirdischem U-Boot-Bunker.

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Irgendwann geht die Riviera in die unbewohnte und unzugängliche Karaburun-Halbinsel über, die gemeinsam mit dem nur 71km entfernten italienischen Stiefelabsatz die Straße von Otranto begrenzt und den Übergang zwischen Adria und Ionischen Meer markiert. Da es keinen Weg um die Halbinsel herum gibt, war bis zur Eröffnung des Llogara-Tunnels im vergangenen Sommer der zügig auf über tausend Meter ansteigende Llogara-Pass, den im Übrigen schon Caesar genutzt haben soll, die einzige Verbindung nach Norden.

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Ich halte es wie der römische Kaiser, nehme bei kräftigem Wind die Serpentinen in Angriff und kann schon von halber Höhe des Passes weit über die Albanische Riviera bis nach Korfu sehen. Die Passhöhe selbst steckt leider in Wolken, es ist richtig kalt – der Rundumblick von oben bleibt mir heute verwehrt.

Mit jeder Kehre bergab wird es wieder ein wenig wärmer, die noch provisorische Straßenführung zwingt mich durch die Mautstelle am Tunnelausgang, ich krame schon ergeben nach meinem Handy als mir der Albaner im Mauthäuschen erklärt: „No need, it’s free“. Verstehe da einer dessen Arbeitsplatzbeschreibung.

Der Küstenverlauf bis Vlorë ist dicht bebaut und ganz und gar dem Strandtourismus gewidmet, da mir jedoch allmählich der Tag ausgeht – die Sonne geht jetzt wieder eine Stunde früher unter – buche ich mich in eines der unzähligen Apartmenthotels in Lungomare, direkt an der „Croisette“ von Vlorë ein. Doch auch hier überrascht die hochwertige Zimmerausstattung zum günstigen Preis, Gilette parkt in der Tiefgarage und vor der Tür erstrecken sich Restaurantmeile, Palmen, Strand, Sonnenuntergang und dort flanieren die Reichen und Schönen der fünftgrößten Stadt Albaniens.

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Tag 14 – 12. Oktober

Heute will ich Strecke machen, im Westen Albaniens gibt es ohnehin kaum Alternativen zu den Hauptverbindungen. Aber selbst nach der zähen Durchfahrt durch Vlorë schlägt am Stadtrand meine Autobahnallergie zu, ich biege noch vor der Auffahrt auf die Landstraße ab und werde sofort mit Olivenhainen, Kurven und Panoramen belohnt. Hinter Fier mündet die Autobahn in die nun vierspurig ausgebaute SH4, hier beiße ich in den sauren Apfel, es gibt bis Durrës keine sinnvolle Alternative. Vierspurig mit Mittelstreifen bedeutet in Albanien allerdings nicht, dass nicht hier und da ein Kreisverkehr mit Tempolimit 40 und zahlreichen vorwarnenden Speedbumps eingeflochten wird, auch sonst werden Zufahrten zu Dörfern oder Gewerbegebieten gerne mal einfach rechtwinklig angeflanscht, man arrangiert sich eben irgendwie.

Bis zur Querung des Mat bei Fushë Milot halte ich das Geradeausfahren durch, dann platzt mir der Kragen und ich biege rechts ab für einen Schlenker durch die Berge. Noch ein paar Kilometer Landstraße, denn links ab und voilà, das sind sie wieder, die vergessenen Bergsträßchen, die sich mit fragwürdigem Straßenbelag und grandioser Aussicht in die Höhe winden.

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Tief unten begleitet mich parallel die Autobahn nach Kukës, bis ich bei Blinisht endgültig nach Norden abbiege und ein weiteres Highlight entdecke: 35 Kilometer Kurven, eine Bergstrecke auf bestem Asphalt. Schmal genug, um die meisten Autofahrer einzubremsen, offenbar doch breit genug für den ausgewachsenen Lkw, den ich bald ein- und überhole. Dann mündet die Straße in die vielgelobte SH5 Kukës-Shkodër, nochmal 50km für die heute so lange vernachlässigten Reifenflanken, bis ich an den Staumauern des Vau-Deja-Sees wieder auf bekanntes Terrain stosse.

Einer geht immer noch; nachdem Shkodër inzwischen eine zeitsparende Umgehungsstrasse hat, müsste das Tageslicht eigentlich reichen, um noch bis Theth zu kommen um dort im Angesicht der Peaks of the Balkans zu nächtigen. Die schmale Bergstraße hinauf ist sensationell, die Kulisse im Abendlicht ebenso, diesmal bleibe ich gerne hinter einem offensichtlich Ortskundigen, der ein hinreichendes Tempo vorlegt, mich aber vom lebhaften Gegenverkehr abschirmt – es ist Sonntagabend und jede Menge Ausflügler kommen aus den Bergen zurück – nicht alle scheinen mit den Abmessungen ihrer gerne voluminösen Gefährte vertraut.

Nach dem Aussichtsparkplatz am 1700m hohen Thorepass ist Schluss mit dem Gegenverkehr, leider auch mit Sonne und Wärme, hinunter nach Theth lasse ich es auf den teils feuchten Serpentinen gemütlich auslaufen, es wird ziemlich schnell schattig hier oben.

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An Unterkünften herrscht kein Mangel, ich entscheide mich für die oberhalb gelegene Alpet Theth, gut geheiztes Zimmer mit Panoramablick, gemütliches Restaurant mit Sonnenterrasse, Esel, Schweine, Hundewelpen, Bergidyll. Ein weiterer dicken Haken an meine bucket list.

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Tag 15 – 13. Oktober

Die Sonnenterrasse, tja, einige der anderen Gäste, besonders die im Wanderoutfit, tragen ihre Frühstücksauswahl vom Büffet nach draussen.

Ist mir eindeutig zu frisch, außerdem möchte ich den Kellner ausfragen. Eigentlich wollte ich heute wieder über den Thorepass zurück Richtung Shkodër und dann weiter nach Montenegro. Über Nacht hat sich irgendwie klammheimlich die Idee eingeschlichen, stattdessen die Theth-Südroute nach Prekal unter die Stollen zu nehmen, 50km Schotterpiste, über deren Zustand ich mich jetzt aus erster Hand informieren will.

Klar ist, die Abenteuerpiste von noch vor wenigen Jahren ist inzwischen Vergangenheit, aber zwischen „unpassierbarem Baustellenparcours“ und „bestimmt schon komplett durchasphaltiert“ ist im Netz alles zu finden. Leider bleibt auch mein Auskunftgeber vage, nach Prekal würde man besser über Shkodër fahren, das sei schneller. Das mag ja sein...

Muss ich mir wohl selbst ein Bild machen. Gilette ist einverstanden, so biegen wir am Ortsausgang unerschrocken nach Süden ab. Bis Ndërlysaj, der letzten nennenswerten Ortschaft im Tal, umgeht die hier noch befestigte Straße die enge Schlucht, die sich die Shala an einer Talstufe gegraben hat. Dann beginnt die Schotterpiste, die in der Tat entschärft, verbreitert und begradigt dem Verlauf des Flusses bis etwa zur Hälfte seines Weges folgt.

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Der weitere Verlauf der Shala bis zur Mündung in einen Seitenarm des Koman-Stausees bleibt Wildwasserkanuten vorbehalten – die Schotterpiste windet sich kurvenreich über den 1200m hohen Mali i Shoshit Pass hinüber ins benachbarte Kir-Tal.

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Bis kurz hinter die Passhöhe ist an der Trassenführung viel entschärft und gesichert worden, an der Westrampe sind derartige Arbeiten im Gange, aber noch nicht weit fortgeschritten – immerhin wird für das Durchkommen einer GS auch mal eben ein Graben kurz zugeschüttet…

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Die letzten unbefestigten Kilometer durch die wilde Kir-Schlucht bis Prekal bleiben stellenweise anspruchsvoll. Die entgegenkommenden polnischen Allradfahrer hätte ich jedenfalls beruhigen können, dass sie die schwierigsten Passagen bereits bewältigt hätten.

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Immer wieder erstaunlich, wie die GS nach dreistündigem Stehendfahren gefühlt zum Low-Rider mit Ape-Lenker mutiert, kaum dass sie wieder Asphalt unter die Stollen bekommt. Und da auch eine Möchtegern-Harley glänzen und blitzen will, spendiere ich Gilette auf den letzten Kilometern im Land der Autowaschanlagen noch ein Wellnessprogramm.

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Blitzblank gewienert geht es nun Richtung Montenegro, bis ich kurz vor dem Grenzübergang am Skutarisee wieder einmal spontan umplane, rechts abbiege und den Umweg über die Serpentinen des Leqet i Hotit Passes nehme, die ich vor zwei Jahren im strömenden Regen nicht so recht würdigen konnte.

Am Aussichtspunkt tausche ich meine allerletzten Lek gegen Kalorien vom Grillwagen und genieße den weiten Blick in die spektakuläre Schlucht der Cijevna, in die die gut ausgebauten Kehren nun hinunterführen. Tief unten ist bereits der erst 2021 eröffnete Grenzübergang nach Montenegro zu erkennen.

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Die Einreise geht schnell vonstatten, ich folge dem Verlauf der Schlucht, bis die Berge zurückbleiben und sich vor mir die Ebene von Podgorica öffnet. Die Stadt ist mir von meinem Zwangsaufenthalt vor zwei Jahren in guter Erinnerung, als ich dort ein Wochenende mit irreparablem Reifenschaden aussitzen durfte. Auch heute pulsiert hier das Leben, leider auch das Verkehrschaos, einmal quer durch die Stadt dauert eben, obwohl die allermeisten Autofahrer Einspurfahrzeugen bereitwillig Platz machen – woran ich mich ein Woche später vorm Grenztunnel nach Füssen wehmütig erinnere…

Die Hauptstraße nach Cetinje ist gut ausgebaut und erlaubt zügiges Vorankommen, bald wechsle ich jedoch wieder auf ein einspuriges Sträßchen, das mich hinunter zum Crnojević bringt, der in weiten Schleifen dem sumpfigen Nordwestende des Skutarisees entgegenfließt.

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Vom Aussichtspunkt hoch über der größten Schleife senkt sich die schmale Straße zum Talgrund und der historischen Ortschaft Rijeka Crnojevića mit der sehenswerten alten Brücke von 1853, bevor sie am Talschluss wieder steil ansteigend die Schnellstraße erreicht.

Cetinje lasse ich links liegen, folge zunächst staunend einer weiteren hemmungslos in die Landschaft gefrästen Schnellstraße und nehme dann den Abzweig nach Grahovo, ein schmales Sträßchen durch eine entlegene Berglandschaft. Wieder über vierzig Kilometer Kurven- und Landschaftsgenuss in der Nachmittagssonne, kaum eine Ansiedlung, praktisch kein Verkehr – den auch die zwei, drei entgegenkommenden Autos bei der Wahl ihrer Ideallinie ganz offensichtlich nicht erwarten.

Als ich endlich Grahovo erreiche, ist der Tag schon recht weit fortgeschritten, Unterkünfte in der näheren Umgebung aber leider rar. Nun denn, für eine Stunde Landstraße im letzten Büchsenlicht wird’s noch reichen, ich buche ein Zimmer in der Altstadt von Trebinje, hoffe dass die Einreise nach Bosnien zügig verläuft und reite in den Sonnenuntergang. Kaum einen Kilometer weiter zieht an meinem peripheren Gesichtsfeld ein Hotelrestaurant vorbei, mit – was war das, Motorräder im Schaufenster – Motorradverleih? Motorradmuseum?

Angehalten, kurz Google befragt, gut bewertetes Hotel – ich drehe kurzentschlossen um und frage nach einem Zimmer. Kein Problem, die nette Rezeptionistin weist Gilette einen sichtgeschützten Parkplatz zu, mir ein lärmgeschütztes schickes Zimmer, das Restaurant hat geöffnet – was braucht man mehr? Trebinje wird storniert, sorry, guys!

Das Grahovac1858 entpuppt sich als recht neues, aber uriges Hotelrestaurant, in dem der in der Schlacht von Grahovo 1858 errungene Sieg über die weit überlegenen Osmanen fast schon museal zelebriert wird. Und das vermeintliche Motorradmuseum als die Geschäftsräume eines montenegrinischen Anbieters für Endurotouren. So fügt sich alles.
 
Wieder mal top ge-/beschrieben (y) ... Bilder sind natürlich auch hübsch 😁 ... und danke für das verlinken der U-künfte ;)
 
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