Tag 3 – 1. Oktober
Der Goldene Oktober kann kommen! Nach einem herzhaften Frühstück vom Balkan-Grill geht’s auf nach Bosnien. Knapp 30km sind es bis zur Grenze, ich ignoriere die Beschilderung und vertraue der Kurviger-Routenführung, Gilette bollert zufrieden in den herrlichen Morgen. Es geht bald von der Hauptstraße auf die Nebenstraße, wunderschöne Landschaft im Morgenlicht, ich biege ab auf die, ok, den Wirtschaftsweg, dann zu diesem Bauernhof da und, ui, schnell mit einem Gasstoß an den bellenden Hunden vorbei und der Weg geht ja auch hinter dem Bauernhof weiter, halt jetzt sehr agrarisch, erkennbar bergab, stark ausgewaschen und mit ausgeprägter Flora in der Mitte.
Kurze Analyse, fahre nur dort hinunter wo Du auch wieder heraufkommst, aber es ist ja schließlich trocken und sooo steil nun auch wieder nicht…
Danke Kurviger, für die interessante Streckenführung, „unbefestigte Straßen vermeiden“ hat eben auch seine Grenzen und prinzipiell bin ich dem Unbefestigten ja gar nicht abgeneigt, nur nicht so unvorbereitet gleich nach dem Morgenkaffee. Nun denn, der Balkan fängt ja grad erst richtig an. Wieder auf Asphalt orientiere ich mich erst einmal an den im Navi intensiver gefärbten Straßen.
Die EU-Außengrenze ist schnell passiert, und wie jedesmal schwindet das irrationale mulmige Gefühl, die EU verlassen zu haben, schnell unter den neuen Eindrücken. Bosnien nimmt mich wieder mal schnell für sich ein.
Vor zwei Jahren war der Westen Bosniens dran, diesmal will ich mich östlicher halten, allerdings ist das Wetter weiter unbeständig und ziemlich frisch, Sarajevo, Durmitor und die albanischen Alpen bekommen den ersten Schnee, also empfiehlt die strategische Planung eher in einem sanften Bogen Richtung Mostar und dann in Nähe der Küste weiter. Ich bleibe also auf den Hauptstraßen, die sind hier ländlich genug und Verkehr gibt’s praktisch auch keinen, so komme ich gut voran.
Zwischendrin besorge ich mir eine Simkarte, 6 Mark, 7 Tage, 9 GB inklusive West Balkan Roaming, also auf meiner Tour alle Länder, in denen mein EU-Roaming nicht funzt. Klasse, vor zwei Jahren hieß es noch neues Land, neue Sim-Karte.
Das Navi läßt mich scharf rechts abbiegen, da führt eine rumpelige Straße runter in ein Polje und im weiteren Verlauf schnurgerade durch die Ebene. Schön, scheint eine willkommene Abkürzung zu sein. Der Straßenbelag ändert sich von schlechtem Asphalt zu gutem festgefahrenen Schotter, zügig durch die Obstplantagen und an zwei, drei Weilern vorbei. Am anderen Ende des Polje zeigt das Navi einige Serpentinen wieder hinauf zur Hauptstraße. Passt.
Die sind dann aber gar nicht mal so wenig steil, und dementsprechend ausgewaschen und rumpelig, aber machbar. Daran anschließend Waldwege wechselnder Qualität, von frischer Holzabfuhr mit schwerem Gerät aufgewühlte Passagen, in denen auch mal das Wasser steht, nur die Hauptstraße, die kommt nicht. Dafür parkt auf einmal in einem pfützenreichen Hohlweg ein Langholzlaster, dessen Fahrer offenbar genau diese Engstelle für sein Päuschen auserkoren hat. Auch ohne die schlüpfrigen Pfützen passe ich da zwischen Böschung und LKW beim besten Willen nicht durch, aber wir sind ja auf dem Balkan, die Pause wird unterbrochen, der Laster angeworfen, soviel wie eben unbedingt nötig rangiert und der Weg ist frei. Kurzes schlammschlingerndes Vorbeieiern, ein herzhaftes „hvala“ und weiter geht’s. Nochmal ein rumpelig-kurviges Bergabstück (wie will der Holzlaster da durchkommen??), dann wird der Straßenbelag und die Umgebung zunehmend zivilisiert und ich kann wieder im Sitzen fahren, auf den Road-Modus wechseln und –
Stopp! Was wedelt der da so mit den Armen? Ah, Baustelle, Warnhinweise Fehlanzeige und der Asphaltfertiger füllt fünfzig Meter weiter die volle Breite des Hohlwegs aus. Hier geht nix. Déjà-vu?
Der freundliche Bosnier spricht ein wenig deutsch, erklärt mir dass ich hier heute nicht durchkomme, seine Ortskenntnisse reichen allerdings für eine Umleitungsempfehlung offensichtlich nicht aus. Das Navi suggeriert eine potentielle Umfahrung, also ein Stück zurück, an diesem Bauernhof da vorbei, bellender Hund, steil bergab in die Botanik, nein, der Ansatz von heute morgen funktioniert hier definitiv nicht, so verstehe ich auch Frauchens wilde Gestik.
Ok, der Hund ist allein, klein und sieht auch nicht so mutig aus, vielleicht kann sein Frauchen weiterhelfen. Es entwickelt sich eine Konversation mit Händen und Füssen, der ich schließlich einen Ausweg bzw. den Schleichweg der locals entnehme, nochmal eine „technische Passage“ mit Behelfsbrücke durchs Bachbett, dann wird die Straße zusehends besser und an der nächsten Einmündung ist die
Abkürzung Erlebnisstrecke vollbracht.
Im weiteren Verlauf bis Jajce genieße ich zur Abwechslung das butterweiche Dahingleiten auf gepflegtem Asphalt, und nach einer kurzen Rundfahrt durch die alte bosnische Königsstadt und die Besichtigung der Wasserfälle folge ich einer Empfehlung aus dem Forum, 160km meist gut ausgebautes, aber streckenweise spektakuläres Kurvengeschlängel bis Mostar.
Wieder mal beeindruckt mich die Herzlichkeit der Bosnier, selbst in dieser touristisch geprägten Stadt. Mein
Hotel liegt zentral, in wenigen Schritten bin ich in der Altstadt, die diesmal zwar angenehm belebt, aber bei Weitem nicht mehr überlaufen ist, und beschließe den Tag mit einem leckeren bosnischen Menü und dem wieder mal faszinierenden Anblick der illuminierten Stari Most, der berühmten Brücke über die Neretva.
