Tag 12 | Zum Schluss das Beste | 281 km
Das Wetter soll umschlagen. Ab morgen wird es kalt und nass. Schwein gehabt. Denn heute wird’s nochmal sportlich. Wir müssen heute bis Chamonix und haben zwei Optionen. Kürzer und knackiger über den Col du Galibier. Oder entspannter, aber 70 km weiter über den Col du Glandon. Ich hadere, ob ich Yvonne den Galibier zumuten kann. Die enge Strecke ohne Randsicherung ist nicht jedermanns Sache. Auch motorradfahrende Freunde von mir hatten hier schon Bauchgrummeln. Die Route über den Glandon ist da schon wesentlich smoother zu fahren, dauert aber locker 1,5 Stunden länger. Und wir werden eh schon den ganzen Tag unterwegs sein. Ein Pow-wow ist angesagt. Ich beschönige nichts und zeige meiner Frau Bilder der zu erwartenden Strecke, gewürzt mit persönlichen Erkenntnissen der letzten Jahre.
Sie reagiert fast beleidigt, als ich ihr die längere, aber einfachere Strecke präsentiere. »Traust du mir den Galibier etwa nicht zu?« frägt sie leicht aufmüpfig. Natürlich tue ich das. Mittlerweile zirkelt Yvonne unseren Kombi elegant um alle Serpentinen und hat auch mit der Höhe keine Probleme. Mein Respekt ist ihr schon lange sicher. Die Entscheidung ist daher schnell getroffen. Sie will lieber die kürzere Route über den Galibier. So sei es.
Nach dem eher übersichtlichen Frühstück erreichen wir recht schnell Briançon. Der morgendliche Verkehr durch die Stadt ist zum Glück erträglich und wir kommen zügig auf die Anfahrt zum Col du Lautaret (2057 m). Heute morgen ist auf der Strecke so wenig los, dass Zeit und Muße bleibt, die noch im Nebel liegende Bergwelt zu inhalieren. Oben auf dem Lautaret setze ich den Blinker und biege völlig alleine auf die letzten Meter zum geplanten Treffpunkt am Refuge du Galibier vor dem Tunnel ein. Die Auffahrt in der jetzt durch die Nebelschwaden brechende Morgensonne ist genial. Und niemand unterwegs – so könnte es immer laufen.
Oben am Refuge stelle ich mich an die Straßenkante und genieße die Szenerie. Es dauert nicht lange, bis ich Yvonne entdecke, die sich recht zügig die vereinsamten Serpentinen hochschraubt. Ich mache die üblichen Bilder und bin gespannt, ob sie dieses landschaftliche Highlight ebenfalls genießen konnte. Oder, ob ich Schimpfe kriege, denn den Cayolle trägt sie mir immer noch nach.
Sie konnte! »Ich bin wirklich geflasht! Das ist der bisherige Höhepunkt unserer Tour«, sind ihre ersten Worte, nachdem sie den Wagen verlässt. Mein Blutdruck normalisiert sich. Wir lümmeln noch ein paar Minuten vor dem Refuge rum und genießen das Panorama. Und unser Hund hat immer noch nicht gekotzt.
Wir verabreden uns zum nächsten Treff auf dem Col de la Madeleine und Yvonne zieht durch den Galibiertunnel davon. Ich fahre noch die paar Meter hoch auf die Passhöhe des Col du Galibiers (2.642 m). Das war mir ja bei der Tour im Juni wegen Schnee auf der Strecke nicht vergönnt. Oben ist – wie immer – richtig was los. Keine Ahnung, wo die ganzen Menschen jetzt auf einmal herkommen. Gar nicht so einfach, hier einen Parkplatz zu finden. Und das mit dem Mopped!
Die Aussicht nach Norden entschädigt mich für den Trubel. Unter mir liegt das Valloiretal, das von einer wattegleichen Nebelwand bedeckt ist. Oben schauen nur die Bergspitzen raus, unterhalb ist das ›Refuge Galibier 2550‹ gerade noch zu erkennen. Ein geniales Panorama, das man in dieser Form sehr selten zu sehen bekommt.
Ich schraube mich talwärts in den dichten Nebel. Der Nebel hält sich noch lange, lockert aber immer wieder mal kurz auf und lässt die Berge des Hochtals erscheinen. Unser heutiger Trip über den Galibier hat sich echt gelohnt!
Im Tal angekommen, ist mein Navi nicht mit der bestehenden Umleitung auf der D1006 bei Saint-Jean-de-Maurienne einverstanden und zwingt mich auf eine haarsträubende Ausweichstrecke. Ich ergebe mich und vertraue (ungern) der Technik. Zu unrecht. Wieder in der Spur, fahre ich an den Lacets de Montvernier vorbei dem Madeleine entgegen. Die Südostrampe von La Chambre nach Saint-François-Longchamp finde ich wie immer ziemlich öde. Auf den letzten Kilometern vor der Passhöhe hat mich der Nebel dann wieder eingeholt. Suppe … gerade dort, wo es langsam schön wird. Ich erreiche die eingenebelte Passhöhe des Col de La Madeleine (1993 m) und freue mich auf den berüchtigten Kaffee im ›La Banquise 2000‹. Yvonne trifft kurz nach mir ein und wir verziehen uns wegen des Wetters für die Pause nach drinnen. Im ziemlich runtergekommenen Gastraum begrüßt uns gleich der Madeleine-Bolonka. Der gehört hier oben einfach dazu.
Nach ein paar nebligen Fotografier-Versuchen sprechen wir die letzte Etappe bis zum Hotel in Chamonix durch. Laut meiner Planung sind es jetzt noch etwas über 90 Kilometer, also knapp zwei Stunden Fahrtzeit. Leider hat sich mittlerweile auf unserer Strecke eine Sperrung ergeben, was uns in eine Umleitung zwingen wird. Mal sehen, was Tante Google dazu meint. Dreieinhalb Stunden! Für nicht mal 100 Kilometer? Yvonnes Gesichtszüge entgleisen und ich schüttle ungläubig den Kopf. Mein Handy ist leider der gleichen Meinung. Das kann nicht wahr sein.
In Albertville gehts Richtung Ugine auf den Col de la Forclaz de Queige (870 m). So weit so gut. Noch alles im Plan. Die Strecke nach Flumet und weiter bis Megève ist dann dicht. Das Google-Umleitungschaos nimmt jetzt erbarmungslos seinen Lauf. Es geht endlos über kleinste Sträßchen und durch winzige Weiler. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreiche ich wieder die Zivilisation. Aber … in jedem Kreisverkehr, in dem Chamonix ausgeschildert ist, schickt mich Google in die Gegenrichtung. Immerhin zeigt sich der Mont-Blanc ab und zu. Beim Schreiben dieser Zeilen ärgere mich erneut über meine eigene Dummheit, dem Navi mehr zu vertrauen als meinem Verstand.

Der Mont Blanc
Ich fahre über Waldwege und winzige Sträßchen endlos durch verlassene Kleingartenkolonien im Speckgürtel von Chamonix. Das kann doch nicht richtig sein? Yvonne, die jetzt bestimmt schon zeternd im Auto sitzt, tut mir leid. Die muss hier ja auch noch durch. Es nimmt kein Ende. Ich bin genervt. Irgendwann werden die Häuser dann dichter und ich erreiche doch noch das Big Sky Hotel in Chamonix. Yvonnes Laune war noch schlechter als meine, als sie den Parkplatz des Hotels erreicht.
Erschöpft und mit fast platzender Blase warten wir ungeduldig darauf, endlich einchecken zu können. Die Gäste vor uns haben ca. 107 Fragen an die Rezeptionistin, die zu unserem Leidwesen alle ausführlichst beantwortet werden. Mit bereits uringelbem Schleier im Auge beziehen wir das stylische Zimmer mit Sicht auf den Mont Blanc. Wir gönnen uns heute was richtig Gutes zu Essen. Das haben wir uns verdient!
Nach einem leckeren Käsefondue gehe ich der Google-Affäre nochmal auf den Grund. Ich will wissen, was da los war. Relativ schnell wird mir klar, dass ein kleiner, unscheinbarer Haken bei ›Autobahn vermeiden‹ für unsere heutige Odyssee verantwortlich ist. Nur … hier gibt’s weit und breit keine Autobahn. Nur eine Route National, an der auch direkt das Hotel liegt. Google macht hier aber leider keinen Unterschied. Keine Autobahn heißt auch keine Route National, dafür dann Feldwege durch Kleingartenkolonien. Das muss man wissen. Und wollen.

Big Sky Hotel, 59 Route vers le Nant, Les Bossons, 74400 Chamonix-Mont-Blanc